Iconic Turn - 1

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ICONIC TURN

Das Symbol QR (Quick Response) im Fernglas des DDR-Grenzsoldaten benutzt Ulli Kampelmann, um den ewigen Hunger auf Antworten zu bestehenden Fragen über das Leben, über andere, aber auch Fragen über sich selbst zu assoziieren. In unserer unruhigen Zeit sind schnelle Antworten nötig.

Heutige Kommunikationsmittel, wie auch der Einsatz von QR's machen sofortige Informationsübertragung möglich.
Man fragt sich: Welche Entscheidungen, welche Richtungen sollen gegangen werden.
So kann man im übertragenem Sinn den Iconic Turn bei sich selbst vollziehen, auf eigene Gedankenbilder und Faktensammlungen zurückgreifen.

Der Titel Iconic Turn knüpft an die Begriffsprägung durch Hubert Burda an, welcher damit die Wende zum rasanten, weltweiten Austausch von Bildern, Informationen (die ja auch Bilder sind), durch moderne Kommunikationswege neu definiert.

LINK: Hubert Burda Vortrag über Iconic Turn - YouTube

Hubert BurdaHubert Burda

Um die Bearbeitung des Themas West–Ost- Deutschland optisch zu bekräftigen, wählte Ulli Kampelmann die Darstellung im Diptychon: West – eine Frau im Nicht-Konfrontieren, eventuell Kunst-Liebhaberin, Dali zu Hause; dem gegenüber – Ost - ein schussbereiter Grenzsoldat, auf kralliger Spionagesucht  nach neuen Opfern, nach neuen Informationen, und dennoch heimlich von einem Dali träumend, das damalige Symbol einer verhassten dekadenten Kunst des Kapitalismus.  

SalvadorDaliExplodingClockSalvador Dali's Exploding Clock

Die schmale Form der Bilder des Diptychon Iconic Turn steht für Erinnerungsausschnitte. Blicke in die Vergangenheit erscheinen schmal, können schnell kommen und gehen.

LINK: Weitere Erinnerungsausschnitte von Ulli Kampelmann

Ideen werden schnell übermittelt und können zu weitreichenden Folgen führen, wie am Beispiel
der in der DDR abgehaltenen Pressekonferenz vom 9. November 1989 zu erleben war, als Günter Schabowski vor laufender Kamera erklärte, “ausreisewillige DDR-Bürger müssen nicht mehr den Umweg über die CSSR nehmen. Privatreisen können durchgeführt werden....ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen erfolgen.”

LINK: Pressekonferenz - YouTube

Guenter SchabowskiGünter Schabowski Äußerung

Diese Äusserung erschuf bei den Fernsehzuschauern Illusionen, Bilder von unbegrenzten Reisemöglichkeiten....SOFORT.  Ein geistiges Feuerwerk brach über Deutschland los und verwandelte sich am selben Abend in jubelnde, vor Begeisterung sprühende Menschenmassen an der Mauer, vor der Mauer, hinter der Mauer.
Worte wurden zu Bildern, wurden zu Taten.

Die Historie wird zum Iconic Turn,

Wörter werden geistige Vorstellungsbilder,
verändern sich zu Taten;
die Zeitspur des Abends,
als sich die Mauer öffnet.

ZEITSPUR

18.00
Beginn einer vom DDR-Fernsehen und Hörfunk live übertragenen, internationalen Pressekonferenz von Günter Schabowski.
Schabowski gibt die neue Reiseregelung bekannt. Auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die Regelung in Kraft treten soll, antwortet Schabowski: „Ab sofort, unverzüglich!"

19.05
AP verbreitet als Eilmeldung: „DDR öffnet Grenze"; DPA um 19.41 Uhr: „Die DDR-Grenze ... ist offen." Die Agenturmeldungen werden in der Hauptnachrichtenzeit bis 20.15 Uhr zur TOP-Nachricht in Fernsehen und Hörfunk. Die „Tagesschau" meldet „DDR öffnet Grenze".

20:15
Laut Lagebericht der Ost-Berliner Volkspolizei haben sich insgesamt 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße eingefunden. Anweisung an die Grenzwächter: Die Menschen auf den nächsten Tag zu vertrösten und zurückzuschicken.

20.47
Ende des zweiten Tages der Sitzung des SED-Zentralkomitees. Bis dahin hat die Partei- und Staatsspitze die Vorgänge um sie herum nicht zur Kenntnis genommen: nicht die Pressekonferenz, nicht ihre Resonanz in den Medien und auch nicht den einsetzenden Ansturm auf die Grenzübergänge.

21.10
Ende einer Sitzung des Bundestages.

21.30
Ende des Staatsbanketts in Warschau. Bundeskanzler Helmut Kohl erfährt von den Ereignissen in Ost-Berlin.
Zwischen 500 und 1.000 Menschen haben sich am Grenzübergang Bornholmer Straße eingefunden.

21.34
In Washington halten US-Präsident George Bush und Außenminister James Baker eine Pressekonferenz ab. Über Agenturmeldungen haben sie von den Ereignissen in Berlin gehört.
Wie alle werden auch die Regierungen in London und Paris von den Meldungen der Nachrichtenagenturen überrascht.

22.00
Nach Abschluss der ZK-Tagung hat sich Egon Krenz in sein Arbeitszimmer im ZK-Gebäude begeben. Ihn beschäftigt vor allem, daß das Zentralkomitee seinen Vorstellungen bei der Wahl des Politbüros nicht gefolgt ist. Mehrere der von ihm vorgeschlagenen Kandidaten sind durchgefallen. Da erreicht ihn ein Anruf von Erich Mielke, der ihn über die Lage an der Grenze informiert.
Eine klare Weisung von Krenz gibt es nicht. Eine andere Weisung wird aus dieser Nacht weder von Krenz noch von Mielke bekannt. Einen Befehl zur Öffnung der Mauer, so erinnert sich MfS-Generalmajor Gerhard Niebling, hat es für das MfS jedenfalls nicht gegeben. Und auch die Nationale Volksarmee und die Führung der Grenztruppen erreicht kein solcher Befehl.

22.28
In den Spätnachrichten der „Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens wird ein letzter Versuch gestartet, die Entwicklung zu bremsen: „Auf Anfragen vieler Bürger informieren wir Sie noch einmal über die neue Reiseregelung des Ministerrates. Erstens: Privatreisen können ohne Vorliegen von Voraussetzungen wie Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden.

Also: Die Reisen müssen beantragt werden!" Der Nachrichtensprecher ergänzt diese Aufforderung um den Hinweis, daß die Abteilungen Pass- und Meldewesen „morgen um die gewohnte Zeit geöffnet haben" und auch ständige Ausreisen erst erfolgen könnten, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind."

22.42
Moderator Hanns Joachim Friedrichs eröffnet die ARD-Tagesthemen mit folgenden Worten: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Super­lativen ist Vor­sicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskie­ren: Dieser neunte November ist ein historischer Tag: die DDR hat mitgeteilt, daß ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen." Eine Liveschaltung zum Grenzübergang Invalidenstraße zeigt das Gegenteil – er ist noch geschlossen. Doch nach den Tagesthemen setzt ein Massenansturm auf die Grenzübergänge ein. Eine von den Medien verbreitete Fiktion ergreift die Massen - und wird dadurch zur Realität.

23.30
In der Bornholmer Straße wird die Lage gegen 23.00 Uhr für die Kontrolleure bedrohlich. Tausende Menschen drücken auf den Grenzübergang. Die Ventillösung hat sich als unklug erwiesen. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge derjenigen, die noch warten müssen. Als der Drahtgitterzaun vor dem Grenzübergang beiseite geschoben wird, bangen die Grenzwächter um ihr Leben. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen strömen in die Grenzanlage, überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt.

Bis gegen Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Übergänge erzwungen, teilweise von West-Berlinern (zum Beispiel am Übergang Invalidenstraße).

24.00
In der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin überlegt der Gesandte und stellvertretende Botschafter Igor Maximytschew, ob er Moskau über den Grenzdurchbruch informieren soll. Um nicht unbedachte Reaktionen zu erzeugen, nimmt er davon Abstand.

00.20
Die NVA-Spitze ist verwirrt, weiß nicht, was sie tun soll. Sie bereiten alle Handlungsvarianten vor, auch eine militärische. Für die Berliner Grenzregimenter, etwa 12.000 Soldaten, löst sie um 0.20 Uhr die Alarmstufe „Erhöhte Gefechtsbereitschaft" aus. Da in der Nacht weitere Befehle ausbleiben, stellen die Kommandeure der Grenzregimenter die Maßnahmen auf eigene Verantwortung ein.

berlinwallsized

berlin-wall-falls-2Abend des 9. Nov 1989

01.00
Zwischen 1.00 Uhr und 2.00 Uhr überwinden tausende von West- und Ost-Berlinern die Mauer am Brandenburger Tor und spazieren über den Pariser Platz und durch das Tor. Auf der Mauer tanzen die Menschen vor Freude. Der Betonwall bleibt von einigen tausend Menschen besetzt. Über den ganzen Platz hallt das Klopfen der Mauerspechte. Sie bearbeiten die Mauer auf der Westseite mit Hämmern und Meißeln. Von den Übergängen strömen die Menschen zum Kurfürstendamm, der bis zum frühen Morgen in eine Partymeile verwandelt wird.

02.00
Die politische und militärische Führungsspitze der DDR tritt in dieser Nacht öffentlich nicht in Erscheinung. Aus dem Innenministerium heißt es, daß die Grenze „als Übergangsregelung" bis zum nächsten Morgen, 8.00 Uhr, unter Vorlage des Personalausweises passiert werden kann. Ab 2.00 Uhr wird diese Information in den Nachrichten von Radio DDR I gesendet.

Am Grenzübergang Bornholmer Straße erklärt ein einsamer Volkspolizist inmitten einer Menschentraube einer Ost-Berlinerin, dass sie nach West-Berlin passieren könne, obwohl die eigentlich beschlossene Reiseregelung dafür einen Reisepass und ein Visum vorsähe. Um 20.30 Uhr hatte der gleiche Volkspolizist den Wartenden über den Lautsprecher eines Funkstreifenwagens mitgeteilt, dass es nicht möglich sei, „Ihnen hier und heute Ihre Ausreise zu gewähren".


Im November siedeln 133,429 Bürgern in die Bundesrepublik über.


Achim Freyer, welcher selbst mit Familie einst von Ost nach West flüchtete (seine Frau, sowie die beiden Zwillingstöchter erreichten Westdeutschland durch einen Fluchthelfer), reflektierte den Abend des Mauerdurchbruches in seinem Happening MAUER FALL letzten Jahres.
Er durchbrach nochmals die Mauer, die Mauer fiel.

Mehr über sein Happening MAUER FALL

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Die Bruchstücke des symbolisch fiktiven Mauerfalls wurden von Achim Freyer einseitig bemalt, signiert und sind zur Förderung der Stiftung steuerbegünstigt als Kunst-Stücke erwerbbar.
Fotos: Undine Leue

LINK: Mehr zu Achim Freyer - YouTube

Nach dem Mauerfall mussten noch die Mauern in den Herzen, in den Köpfen, fallen.
Denkschablonen mussten umgerissen werden.
Beispiel einer Denkschablone zu DDR Zeiten:
Fliegende Vögel in der Musik, in der Kunst galten als Symbol zum Aufruf die DDR zu verlassen.

Wandgestaltung

Diese Wandgestaltung wurde 1973 in Halle installiert und musste nach 14 Tagen wieder abgehackt werden, da nach Meinung des Staatsrates die Vögel einen Aufruf zum Verlassen der DDR darstellen.

 

Eine historische Wende - ICONIC TURN - vollzog sich auf unserer Weltkarte, vollzog sich beinahe zeitgleich in unseren Kommunikationsmitteln.

 

Äußere, innere Bilder änderten sich, die Übermittlung, sogar der Enthusiasmus an der Wissens- Bilderübermittlung wuchs rasant.

 

Die Erfindung des QR Symbols ist ein weiteres Resultat des ICONIC TURN.

 

Das Diptychon von Ulli Kampelmann ist ein Zeitzeugnis dieser Bilder-Wandlungen.